Fürther Nachrichten: "Es ist für jeden zu schaffen"

Fürther Nachrichten am Freitag, 9. Juni 2017

von Bastian Perlitz - Foto© Ralf Rödel

Jeden Mittwoch nehmen Sportabzeichenreferent André Eckert (rechts im Bild) und seine ehrenamtlichen Helfer das Sportabzeichen ab und geben hilfreiche Tipps - wie hier beim Techniktraining mit dem Medizinball.

Fürth - André Eckert (60) ist seit Januar Sportabzeichen-Referent des Bayerischen Landessportverbandes (BLSV) im Kreis Fürth. Über seine weiteren Engagements beim Behindertenrat der Stadt, in seinem privaten Sportstudio oder in der Turnabteilung der SpVgg Greuther Fürth versucht er, die Attraktivität des Sportabzeichens zu erhöhen. Im Gespräch mit den FN verrät er, wie er dessen angestaubtes Image auf Vordermann bringen will.
Eine Million Sportabzeichenträger sind André Eckert noch viel zu wenig

Herr Eckert, jährlich machen etwa eine Million Deutsche das Sportabzeichen. Wieso sollte jeder junge Mensch es haben?
André Eckert: (lacht) Die Frage habe ich mir noch gar nicht gestellt. Auch nicht, warum ich es selbst gemacht habe. Die Anreize sind da: Es gibt Medaillen, es ist für jeden zu schaffen. Man sollte sich sportlich immer zumindest ein bisschen betätigen. Wer rastet, der rostet. Es ist schlimm, wie viele Kinder nicht schwimmen können, und wie unbeweglich und starr sie teilweise schon in jungen Jahren sind.

Die meisten, die das Sportabzeichen machen, sind sicher Schüler, oder?
André Eckert: Die Hälfte der jährlich rund 1000 Teilnehmer sind Schüler. Die andere Hälfte setzt sich zu zwei Dritteln aus Rentnern zusammen und etwa 50 Menschen, die das Abzeichen für die Bewerbung bei der Polizei, Justiz oder Feuerwehr brauchen. Und wir wollen verstärkt in die Schulen. Das Training für das Abzeichen soll im Sportunterricht stattfinden, ohne das die Klassen wie bisher zu uns kommen müssen. So kann man die Jugendlichen für den Sport begeistern, und gleichzeitig hält die Schule die Vorgaben des Kultusministeriums ein. Was seit Jahren schon gemacht wird, ist , dass einmal im Jahr die Fürther Grundschulen mit 400 bis 600 Kindern zur Charly-Mai-Sportanlage kommen, wo wir das Sportabzeichen abnehmen. Das nächste mal am 30. Juni (siehe anschließenden Pressebericht).

Es gibt immer mehr Freizeitangebote. Jugendliche müssen nicht mehr rausgehen, um zu kommunizieren. Was machen Sie gegen solche gesellschaftlichen Entwicklungen?
André Eckert: Das geht nur über die Angebote. Man muss die neuen Wege mitgehen und die Trends mitmachen. Das versuchen wir bei der Spielvereinigung mit Trampolin-Kursen für Fünf- bis Siebenjährige. Die Mütter wären zufrieden, weil das Kind gut schläft.

Wie kann man gesellschaftliche Entwicklungen aufgreifen, um die Fitness der Kinder zu verbessern?
André Eckert: Da ist meiner Meinung nach vor allem die Politik gefragt. Hinzu kommt, dass das Vereinsleben rückläufig ist und Vereinsstrukturen veralten. Zudem denken viele Mitglieder, wenn sie ihren Beitrag zahlen, muss jedes Angebot umsonst sein. Dass die Übungsleiter Geld kosten und die Lizenzen erwerben müssen, sehen die wenigsten. Es ist viel zu machen, dass ein Verein läuft und er attraktiv gestaltet werden kann.

Wie kann politische Hilfe konkret aussehen?
André Eckert: Die müssen sich erst einmal selber reformieren. Bleiben wir beim Sportabzeichen. Wenn da 400 Kinder und ihre Lehrer kommen, ist eine Handvoll Lehrer engagiert und feuert die Kinder an. Alle anderen Lehrer geben die Schüler ab, verdünisieren sich und interessieren sich dafür nicht. So ist auch der Sportunterricht. Viele Stunden fallen aus, weil die Pädagogen krank sind oder die Stellen nicht ausreichend besetzt sind. Die eineinhalb Stunden Sport pro Woche sind ohnehin nicht viel. Man müssen richtig ausgebildet werden und die Kinder mit Engagement begleiten.

Das Sportabzeichen gibt es seit über 100 Jahren. Wie steht es um die Attraktivität dieser Auszeichnung?
André Eckert: Das hat alles seine Höhen und Tiefen. Als ich die Prüferlizenz erhalten habe und bei den Veranstaltungen dabei war, wollte ich das mit großer Euphorie machen und dachte, da muss doch vor allem bei Behinderten Bedarf da sein. Ich habe dann etliche Behindertenanstalten angeschrieben und angerufen. Aber irgendwie waren die reserviert, ich bekam überhaupt keinen Zugang.
Ich möchte alles zusammenführen zu einem Fest.

Was wollten Sie mit der Kontaktaufnahme erreichen
André Eckert: Dass ich mit Kindern und Erwachsenen - auch mit denen, die Gebrechen haben - für das Sportabzeichen üben kann. Ich habe neben mehreren Übungsleiter-Scheinen auch eine Ausbildung gemacht, um mit Menschen mit Behinderung für das Sportabzeichen zu trainieren. Ich wollte das forcieren, aber das ist alles im Sande verlaufen. Ich gebe jedoch nicht auf. Jetzt habe ich auch meine eigene Philosophie. Ich bin selber Sportabzeichen-Referent, habe nebenbei noch andere Ämter angenommen. Ich bin im Behindertenrat der Stadt Fürth, bin VdK-Berater für Barrierefreieheit und seit November Vorsitzender in der Turnabteilung der Spielvereinigung Greuther Fürth. Das heißt, ich möchte einen Kessel bilden, um mehrere Zugänge zu bekommen. So will ich unter anderem die Themen Inklusion und Integration angehen. Genau das ist mein Steckenpferd: Ich möchte alles zusammenführen zu einem Fest.

Sehen Sie also vor allem in der Organisation rund um den Bereich des Sports und des Sportabzeichens Nachholbedarf?
André Eckert: Nachholbedarf nicht. Aber wenn ich jetzt alleine die Prüfer anschaue , die auf dem Sportplatz stehen: Nachdem das alles Ehrenamtler sind, ist die Altersstruktur relativ hoch, die meisten sind Rentner. Kein 20-jähriger wird sich auf den Sportplatz stellen und seine Zeit opfern nur der Ehre halber. Diesen Ruf der Überalterung möchte ich etwas entgegensetzen. Verjüngern und mehr Elan sind das Wichtigste.

Worum geht es bei Ihrem Amt als Sportabzeichen-Referent?
André Eckert: Ich lege die Termine für die Abnahmen fest, bilde Prüfer aus und organisiere Veranstaltungen.

Welche Sportarten werden beim Abzeichen geprüft?
André Eckert: Es gibt vier Gruppen: Ausdauer, Koordination, Kraft und Schnelligkeit. Zu Schnelligkeit zählen die Kurzstrecken, also 30- bis 100-Meter Läufe. Ausdauer wird geprüft beim 3000-Meter-Lauf, aber auch beim Nordic Walking oder Schwimmen. Kraft wird gebraucht beim Kugelstoßen oder Schleuderball. Zur Gruppe Koordination gehören Seilsprung oder Weitsprung. Die Anforderungen hängen dann natürlich von der Altersklasse und dem Geschlecht ab.

Was ist denn Ihre Lieblingssportart?
André Eckert: Ich habe früher sehr viel geraucht. Das ging so auf die Lunge, dass ich irgendwann nicht mehr laufen konnte, weil ich die Luft nicht mehr herbekam. Nachdem ich das Rauchen aufgehört habe, bekam ich Arthrose im Knie. Da habe ich "Kango-Boots" für mich entdeckt, gefederte Schuhe. Dafür bin ich mittlerweile Trainer. Genauso wie für´s Trampolinspringen. Bei der Turnabteilung der Spielvereinigung gebe ich noch Skigymnastik, im Sommer "Tri-Vital" und natürlich Sportabzeichen-Training. In meiner privaten Sportschule sind wir Vorreiter in "Animal Athletics", einer Art Gymnastik, bei der man Bewegungen von Tieren nachahmt.

Stehen diese modernen Sportarten nicht konträr zu den klassischen Disziplinen, die das Abzeichen abfragt?
André Eckert: Das ist die Schwierigkeit. Das ist gar nicht so ohne. Ich möchte den Weg gehen, dass ich die Leute in meinen eigenen Kursen erst mal dazu animiere, mitzumachen. Dann möchte ich sie als Prüfer gewinnen. Freilich ist es schwierig, aber man muss eben Anreize schaffen. So wie die Sparkasse und der BLSV Preise ausloben für diejenigen Vereine, die die meisten Sportler für das Sportabzeichen abstellen. Auch die Spielvereinigung beteiligt sich an der Abnahme des Sportabzeichens.

Eine Reform des Abzeichens streben Sie als Referent also nicht an?
André Eckert: Was modernere oder alternative Sportarten angeht, sind wir beim Sportabzeichen in unseren Möglichkeiten ja begrenzt. Und ich finde, man sollte das so lassen, wie es ist. Alles andere hat einen anderen Namen. Wir sind das Sportabzeichen, wir sind für die vorhin genannten vier Gruppen da. Darüber ist der Zugang zu anderen möglich. Über modernere Vereinsarbeit könnte man dann das Feld durchaus öffnen.

Nutzen Sie zu Ihrem Zwecke soziale Medien?
André Eckert: Ja, in erster Linie Facebook. Ohne die sozialen Medien geht nichts mehr. Diese Richtung muss man einschlagen, sonst kommt man an viele nicht mehr ran. Vor allem Bilder und Videos von Trainingseinheiten kommen so schnell bei so vielen an. Da merkt man im Anschluss richtig den Zulauf, da haben wir schnell mal 10 000 Klicks. Das sagt einiges über die Bedeutung. Man muss in jeden Bereich den Trend sehen und dann mitgehen.

Wenn Sie irgendwann abtreten: Worauf möchten Sie zurückblicken?
André Eckert: Ich setze mir eher kurzfristige Ziele. Aber wenn ich irgendwann abtreten werden, wäre es schön, wenn die Kurve nach ober zeigt, sei es die Verjüngung, die Teilnahme oder die Attraktivität des Sportabzeichens im Allgemeinen.

Vier Mal gibt es in diesem Jahr mittwochs noch die Gelegenheit, das Sportabzeichen an der Charly-Mai-Sportanlage (Kapellenstraße 41) abzulegen: 21. Juni, 5. Juli, 19. Juli und 20. September jeweils um 17.30 Uhr. Wer mit seinen Leistungen nicht zufrieden ist, darf zum nächsten Termin zur Wiederholung antreten. Am Donnerstag, 30. Juni, steigt das große Schülerfest in der Zeit von 8 bis 14 Uhr, zu dem sich 498 Fürther Grundschüler angemeldet haben, um das Abzeichen zu ergattern.

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